30 Jahre lang wurde die Geschichte der zwangsweise nach Mosambik ausgereisten DDR-Vertragsarbeiter ausschließlich von Autoren aus Deutschland geschrieben.

Seit drei Jahrzehnten wird verhindert, dass die Vereinigung der DDR-Rückkehrer ADECOMA und die Initiative der Familienzusammenführung WIEDERSEHEN-REENCONTRO, beide 1991 in Mosambik gegründet, in Deutschland eine Öffentlichkeit bekommen, nicht selten mit Methoden die an finsterste BND- und Stasipraktiken erinnern.

Dabei wird in Kauf genommen, dass ohne einen starken lokalen Interessenvertreter der ehemaligen Vertragsarbeiter, eine der mitgliederstärksten Organisationen der mosambikanischen Zivilgesellschaft, alle entwicklungspolitischen Maßnahmen ihrer Reintegration zum Scheitern verurteilt sind.

Doch wird selbst dieses Scheitern in der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland gar nicht thematisiert. Ebensowenig die Tatsache, dass eine kleine Minderheit der einstigen Hoffnungsträger des Landes seit der Rückkehrer und bis an die Grenze zum Rentenalter als Wahlkampfhelfer der RENAMO instrumentalisiert wird, während die große Mehrheit der DDR-Rückkehrer in ihrem Heimatland unter dem schlechten Ruf leidet, zum “größten Unruhepotential des Landes” (Auswärtiges Amt Sept. 2002) zu gehören.

Auffällig, sowohl bei der wissenschaftlichen wie auch bei der journalistischen und künstlerischen Herangehensweise an die Madgermanes-Thematik, ist immer wieder eine tief verwurzelte rassifizierende Sichtweise, die sich aus einem unbewussten, historisch verinnerlichten, kulturellen Bilderreservoir speist und sich seit dem Ende der formalen Kolonialzeit nicht wesentlich verändert hat.

In unserer Reihe KALENDERBLATT wollen wir an wichtige Ereignisse dieser jahrzehntelangen Diskriminierung und Bevormundung erinnern, die sowohl im Lager der unverbesserlichen “Kalten Krieger” wie auch in den Reihen der vermeintlich abgehängten Marxisten, Züge neokolonialer Anmaßung, selbstgenügsamer Unwissenheit und parteipolitischen Gehorsams trägt.

Als Organisation mit Sitz in Mosambik können wir nicht dazu beitragen, Erklärungen dafür zu finden, warum die DDR-Führung nach dem Tod von Samora Machel die Regierung der mosambikanischen Volksrepublik gezwungen hat, zusätzlich Tausende junge Mosambikaner ohne deren Wissen zum Abbau von Staatsschulden nach Berlin einzufliegen.

Auch können wir nicht belegen, wieviel von den geschätzten 360 Millionen US-Dollar, die den mosambikanischen Vertragsarbeitern zustehen, verschwanden nachdem es auf dem Sonderparteitag der SED im Dezember 1989 gelang, die Genossen zur Rettung des Parteivermögens auf eine Umbenennung anstatt auf die Gründung einer neuen Partei einzuschwören.

Wohl aber können wir die Diskussion darüber eröffnen, ob die später von der UKPV sichergestellten Vermögensanteile der Partei gereicht hätten, den DDR-Rückkehrern ihr Geld zurückzuzahlen, denn es waren trotz des gelungenen Gysi-Modrow-Coups noch ausreichend Mittel vorhanden zur Tilgung von DDR-Altschulden, für Aufarbeitungsprojekte und gemeinnützige Zwecke.

Über die Gründe, warum sich die Verbündeten der FRELIMO so schnell entschieden haben, das Bruderland als “abgebrannt” zu erklären und die Entscheidung über das Schicksal der DDR-Vertragsarbeiter in die Hände des ehemaligen Klassenfeinds zu legen, können wir als mosambikanische Organisation nur spekulieren.

Aber wir haben vor Ort miterlebt, was es für die Betroffenen bedeutet, wenn eine Regierung die jahrelang mitverantwortlich war für die Destabilisierung Mosambiks, nun darüber entscheidet, die DDR-Rückkehrer als wirksames Instrument der Entwicklungszusammenarbeit zu fördern um am Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes mitzuwirken oder sie auf der Müllhalde deutscher Geschichte zu entsorgen.

Wir kennen die Hoffnung und Enttäuschung der jungen Menschen, denen 1990 versprochen wurde, dass Deutschland in ihrem Heimatland jedem von ihnen 20 Tausend US-Dollar zur Förderung von Kleininvestitionen bereitstellen wird, nachdem die willkürliche Anwendung eines noch gar nicht in Kraft getretenen Ausländergesetzes, gepaart mit dem Anheizen fremdenfeindlich motivierter Gewalt, ihre Abschiebung begünstigte.

Wir waren dabei, als die Opfer der Deutschen Einheit zu Kriegszeiten im Aufnahmelager Machava ankamen, voller Ungewissheit Wochen und Monate auf die Ankunft der Container warteten, während der völlig überforderten mosambikanischen Regierung nichts anderes blieb als Deutschland um dringende Nothilfe zu bitten.

Wir konnten zusehen wie ehemalige Stasikader und SED-Genossen in Mosambik in neue Positionen wechselten, wie Potemkinsche Dörfer entstanden, wie die RENAMO früh die “Base Central dos Madgermanes” zur Rekrutierung neuer Parteimitglieder nutzte und die Gruppierung im “Jardim dos Madgermanes” bis heute zu Protesten gegen Regierungsvertreter instrumentalisiert.

Wir haben erlebt wie sich deshalb schnell die Arbeitsplatzchancen für alle Rückkehrer verschlechterten. Denn nicht aus fehlendem Stolz über den in der DDR erreichten Facharbeiter- oder Teilfacharbeiterabschluss, wird dieser bei einem Bewerbungsgespräch nicht vorgelegt

Wir standen daneben als das erste Büro unserer gemeinnützigen Organisation polizeilich geräumt wurde, als später das zweite Büro in Flammen stand und Tausende Registrierungsunterlagen vernichtet wurden.

Wir waren dabei als der deutsche Außenminister und frühere Präsident des BND Klaus Kinkel in Maputo das erste Rückkehrerzentrum CIMA eröffnete, das wenige Monate später vom Deutschen Botschafter geschlossen wurde.

Wir kennen aus nächster Nähe die Geschichte des zweiten Rückkehrerzentrums ICMA, welches als entwicklungspolitische Maßnahme zur Wiedereingliederung der Rückkehrer finanziert wurde, aber zu korrupten Machenschaften und der Ausgrenzung der Madgermanes diente.

Wir wissen um die Menschenrechtsverletzungen in den Tagen der friedlichen Besetzung der Deutschen Botschaft in Maputo, um die Falschdarstellungen in der deutschen Presse und die anschließende massive Überwachung des “Jardim dos Madgermanes” durch die verbündeten Geheimdienste.

Wir haben erlebt wie Bundespräsident Horst Köhler in Maputo vorgeführt wurde und wie der jetzige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Außenminister in Mosambik gegenüber der Deutschen Welle erklärte, über die Problematik der ehemaligen Vertragsarbeiter keinerlei Kenntnisse zu haben.

Wir registrieren seit 1991 Betroffene jahrzehntelanger familiärer Trennung, wissen um die Methoden mit denen deutsch-mosambikanische Familienzusammenführung verhindert wird und kennen die Vertreter deutscher Organisationen, die vom Schicksal der Betroffenen profitieren.

Wir stehen in Mosambik im direkten Kontakt mit Menschen, die bis heute nach Vermissten in Deutschland suchen, eine Aufklärung von Todesfällen ihrer Familienangehörigen fordern oder die Aufarbeitung von Fällen willkürlicher Inhaftierung, Zwangsabtreibung oder Abschiebung.

Wir kennen Künstler, die den Verlockungen öffentlicher staatlicher Förderung nicht widerstehen und in alten Schemen verhaftet die Madgermanes wie Exponate zur Schau stellen, ohne diese zu Premieren oder Ausstellungseröffnungen einzuladen und für ihr Mitwirken zu entlohnen.

Wir wissen was es heisst, politisch verfolgt und von staatlich geförderten Veranstaltungen ausgeladen zu werden, die zum Ziel haben, Kritik an der deutschen Regierung in Bezug auf die fehlende Wahrnehmung moralischer und finanzieller Verantwortung gegenüber den Madgermanes zu unterdrücken.

Damit muss endlich Schluss sein!

Da unsere Arbeit nicht öffentlich gefördert wird, bedanken wir uns für jede UNTERSTÜTZUNG.

 

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