Das verwehrte Recht auf Totenruhe

In afrikanischen Ländern ist es üblich, die verstorbene Person in unsentimentaler Ergriffenheit mit einem ausgelassenen Trauermahl zu ehren. Angehörigen der Toten wird so der Abschied erleichtert.

Zwischen dem Tod und der Trauerfeier können mehrere Wochen liegen. Aber drei Jahrzehnte später zum Leichenschmaus zu laden, noch dazu in einem fremden Land und für politische Zwecke, ist empathielos und stört die Totenruhe.


Die Mosambikaner vom Sägewerk Jeber-Bergfrieden 1981 beim Besuch im Wörlitzer Park


Trauerrituale sind so alt wie die Menschheit. Doch wurden in den verschiedenen Kulturkreisen die Beerdigungsbräuche immer auch den individuellen Bedürfnissen, den äußeren Umständen und den vorhandenen Ressourcen angepasst.


In ärmeren Ländern können sich viele Familien eine teure Feier nicht leisten. Oft stellen bereits die Kosten für den Sarg, die Zeremonie, den Priester oder die Todesanzeigen eine große finanzielle Herausforderung dar.


So ist es in Mosambik nicht üblich in eine “Sterbekasse” einzuzahlen, denn kaum jemand hat die finanziellen Möglichkeiten um für die Trauerfeier zu sparen.


Doch eine angemessenes Trauerfest ist auch in armen Ländern und selbst zu Kriegszeiten unumgänglich, um nicht das Risiko einzugehen, der tote Geist könnte sich rächen, wenn der Verstorbene keine gebührende Feier erhält.


Wer zur Zeremonie kommt um den Hinterbliebenen Trost zu spenden, sollte zumindest eine Kelle Erbsensuppe und ein Erfrischungsgetränk erhalten.


Dabei ist es nicht vermeidbar, dass sich beim Trauermahl auch Gäste einschleichen, die zum Verstorbenen in keiner Beziehung standen.


Dass ein Trauergast beim Buffet wie bei einer Hochzeitsfeier zuschlägt, als gäbe es kein Morgen, verbietet der Respekt vor dem Geist, der nach dem körperlichen Tod weiterlebt.



Kein würdevoller Abschied


Die Hinterbliebenen des mosambikanischen Vertragsarbeiters Manuel Diogo bekamen nicht die Möglichkeit, ihren geliebten Familienangehörigen ehrenvoll zu bestatten, um so Trost und inneren Frieden zu finden.


Es gab keine Totenwache am aufgebahrten Sarg, keinen letzten Blick des Abschieds, keine Trommeln, keine Gesänge.


Denn der geliebte Sohn, Bruder und Onkel starb nicht in seiner Heimat, wie so viele andere Mosambikaner in jenem furchtbaren Krieg.


Manuel kehrte vorfristig vom Arbeitseinsatz im sozialistischen Bruderland zurück, einem Land in Frieden.


Zwei Jahre nach der Unterzeichnung des Abkommens zwischen Erich Honecker und dem Präsidenten der Volksrepublik Mosambik, Samora Machel, war er 1981 mit vielen anderen jungen Mosambikanern in die DDR geflogen.


Dort hatte er gemeinsam mit 24 Landsleuten in einem Sägewerk in Jeber-Bergfrieden gearbeitet, hatte in Dessau eine feste Freundin und galt als diszipliniert und arbeitsfreudig.


Bis zu jener Schicksalsnacht vom 29. zum 30. Juni 1986, als Manuel während einer Eisenbahnfahrt im Bezirk Halle aus ungeklärten Umständen ums Leben kam.


Die mosambikanische Regierung übernahm die Überführung des Verstorbenen. Doch ein Trauerfest konnte sich die Familie nicht leisten.


Aus dem Friedensstaat DDR kam keine Unterstützung, keine Lohnnachzahlungen, keine Abfindungen, nicht mal ein Wort der Anteilnahme.


Die Arbeitskollegen waren überrascht dass der Holzfacharbeiter und Gabelstaplerfahrer am Morgen nach dem Finalspiel der Fussball-WM zwischen der BRD und Argentinien nicht auf Arbeit erschien.


Den freien Sonntag hatte Manuel mit einigen seiner Landsleute in Dessau verbracht und in einer Gaststätte in der Nähe des Stadtparks viel Alkohol konsumiert.


Am Abend waren sie gemeinsam mit dem letzten Zug nach Jeber-Bergfrieden gefahren. Trotz der Niederlage der westdeutschen Mannschaft herrschte im Abteil unter den jungen Mosambikanern eine gute Stimmung.


Auf dem spärlich beleuchteten Weg vom Bahnhof zum Wohnheim hatte keiner von ihnen bemerkt, dass ihr Kollege den Ausstieg verpasst hatte nachdem er im Zugabteil eingeschlafen war.


Das machten sie sich zum Vorwurf, als am Montagmorgen Mitarbeiter der DDR-Kriminalpolizei im Sägewerk auftauchten und ihnen Fotos von Leichenteilen zeigten, die noch in der Nacht an der Bahnstrecke zwischen dem Haltepunkt Borne und dem Bahnhof Belzig gefunden wurden.


Die mosambikanischen Arbeitskollegen bestätigten gegenüber der Polizei, dass Manuel im Zug saß und vermisst wurde, hofften aber, er hätte sich vielleicht doch entschlossen bei seiner Freundin zu übernachten und würde wieder auftauchen.


Danach wurde der Vorfall nicht in der Öffentlichkeit thematisiert. Sie waren auf der Basis eines Staatsvertrags in der DDR und es gehörte zu ihrem Klassenauftrag, keine Spekulationen zu verbreiten.


Wie den Familienangehörigen, war es auch den Kollegen und Freunden in der DDR nicht vergönnt, in würdiger Weise von Manuel Abschied zu nehmen.


Lucas (links) und Bento (rechts) im September 2020


Entmündigung statt Aufarbeitung


34 Jahre nach dem Unglück trafen sich Lucas Firmino Nzango und Bento Firmino Nhamuave im Haus des Gründers der Vereinigung der DDR-Rückkehrer ADECOMA, Roland Hohberg, seit 2017 wieder Leiter des Integrationszentrums ICMA Maputo.


Sie arbeiten gemeinsam mit anderen ehemaligen Kollegen von Manuel Diogo an einer zweisprachigen Dokumentation über ihre Zeit in Jeber-Bergfrieden, ihre Erfahrungen in der DDR und den Menschenrechtsverletzungen seit der Rückkehr in ihr Heimatland.


Lucas und Bento tragen Fotos und persönliche Lebensberichte zusammen, haben Kontakt zu ehemaligen Freunden und Kollegen in Deutschland aufgenommen und hoffen, die Dokumentation bis 2021 fertigzustellen, wenn sich ihre Ankunft in der DDR zum 40. Mal jährt.


Beide sind nie in das Land zurückgekehrt, in dem sie ihre Jugendjahre verbracht hatten, verliebt waren, Fussball spielten und mit Mädchen zu einer der “Hymnen des Ostens” tanzten. Den Text des Lieds “Jugendliebe” von Ute Freudenberg kennen sie noch heute.


Bento Nhamuave war seinerzeit Gruppenleiter der 25 mosambikanischen Vertragsarbeiter im Sägewerk und hatte am Morgen nach dem Tod von Manuel Diogo den vorgelegten Polizeibericht unterschrieben.


Schon vor Jahren hatte er im ICMA ein Agrarprojekt als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für ausgegrenzte DDR-Rückkehrer vorgestellt. Mit Förderanträgen bei der Deutschen Welthungerhilfe und deutschen Entwicklungsorganisationen in Mosambik blieb er erfolglos.


Auch der heute 57-jährige Lucas Nzango lebt nur von Gelegenheitsjobs um am Stadtrand der Hauptstadt Maputo seine fünfköpfige Familie zu ernähren.


Wegen der DDR-Vertragsarbeiter, die sich nach ihrer Rückkehr der Guerrilabewegung RENAMO anschlossen hatten und seither gegen die Regierung protestieren, gelten die “Madgermanes” als "Krebsgeschwür der mosambikanischen Gesellschaft”.


Aufgrund des schlechten Rufs der “RENAMO-Marionetten”, bleibt die große Mehrheit der DDR-Rückkehrer, trotz der Weigerung sich politisch instrumentalisieren zu lassen, bei der Arbeitssuche im nach wie vor intakten Einparteiensystem erfolglos.


Trotzdem engagiert sich Lucas seit Jahren bei WIEDERSEHEN-REENCONTRO, einer humanitären Initiative deutsch-mosambikanischer Familienzusammenführung, die von der Deutschen Botschaft in Maputo seit der Deutschen Einheit ignoriert wird.


Im vorigen Jahr hätte er sich beinahe den Traum erfüllt, nach drei Jahrzehnten wieder deutschen Boden zu betreten und endlich alte Freunde wiederzusehen.


Die Veranstalter der von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur geförderten Internationalen Tagung “Respekt und Anerkennung” hatten ihn als Redner nach Magdeburg eingeladen.


Dort sollte Lucas über seine Erfahrungen als Vertragsarbeiter in der DDR berichten, über seine Haft im Gefängnis Rummelsburg, den Tod seines Kollegen Manuel, die Diskriminierung der DDR-Rückkehrer und seine ehrenamtliche Arbeit in Mosambik.


Angesichts der staatlichen Förderung für diese Veranstaltung mit dem Schwerpunkt der DDR-Vertragsarbeiter und der öffentlichen Ankündigung seiner Teilnahme schöpfte der arbeitslose Familienvater keinerlei Misstrauen und machte sich sofort an die Arbeit.


Er trug seine für das bevorstehende Weihnachtsfest und die Immatrikulation seiner Kinder zurückgelegten Ersparnisse zusammen, beantragte einen neuen Reisepass und beteiligte sich an den vom ICMA organisierten Vortagungen in der Provinz Maputo.


Dann plötzlich bekam Lucas eine Ausladung aus Berlin, von dem ihm unbekannten Mosambikaner Ibraimo Alberto und dessen Partnerin Julia Oelkers.


Beide gehörten zum Team von Hans-Joachim Döring, dem Entwicklungspolitik- und Mosambikexperten der evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.


Lucas richtete ein Schreiben an den Tagungsleiter, schickte eine E-Mail, stellte einen Antrag auf Entschädigung, veröffentlichte auf dem ICMA Kanal eine Videobotschaft. Er bekam keine Antwort.


Beitrag: Der Fall Lucas Nzango


2017 Aufführung des MDR-Beitrags im Haus des ICMA-Leiters Roland Hohberg


Die endlose Suche nach innerem Frieden


Über die Hintergründe seiner diskriminierenden Ausladung von einer staatlich geförderten Tagung erfuhr Lucas Nzango erst in diesem Jahr, aber nicht wie erwartet durch eine offizielle Erklärung der Veranstalter.


Durch eine Facebook-Publikation des Historikers und Rassismusexperten Harry Waibel wurde der ebenfalls von der Magdeburger Tagung ausgeladene Leiter des Rückkehrerzentrums ICMA, Roland Hohberg, auf Veröffentlichungen in der deutschen Presse aufmerksam.


So wurde in Mosambik bekannt, dass anders als vor drei Jahren in einem reißerischen MDR-Fernsehbericht dargestellt, neue Ermittlungen noch gar nicht aufgenommen wurden, geschweige denn abgeschlossen waren.


Die deutschen Medien berichten jetzt, die Staatsanwaltschaft Potsdam sei grad erst dabei zu überprüfen, ob es Anhaltspunkte für ein Ermittlungsverfahren gibt.


Im MDR-Beitrag, der den DDR-Rückkehrern 2017 im Rahmen eines Film-Forums im ICMA Maputo und später im Haus des ICMA-Leiters gezeigt wurde, war von einem bewiesenen Mord durch rechtsradikale Gewalttäter die Rede.


Die Filmemacher Christian Bergmann und Tom Fugmann hatten den Tathergang im Zugabteil eindrucksvoll nachgestellt. Nicht als fiktive Story, sondern als Resultat akribischer polizeitechnischer Untersuchungen.


Ohne das Pietätsempfinden der Hinterbliebenen und den Achtungsanspruch des Verstorbenen zu schützen, sind sie Manuel Diogo drei Jahrzehnte nach dem tödlichen Unglück nachgereist um die Todesruhe zu stören.


In der Nähe des Grabs richteten sie die Kamera auf die Mutter des Opfers, um ihr eindrucksvoll die Nachricht zu überbringen, ihr Sohn sei von deutschen Neonazis getötet worden.


Lucas war 2017 bei der Filmvorführung im ICMA dabei und schockiert von der Nachricht, dass sein ehemaliger Arbeitskollege Opfer eines rassistischen Mordes wurde.


Der Leiter des Integrationszentrums in Maputo befragte ihn dazu in einem Interview und veröffentlichte das Gespräch auf dem Youtube-Kanal ICMA TV.



Gemeinsam kontaktierten sie in verschiedenen Provinzen Mosambiks die ehemaligen Kollegen von Manuel Diogo, unter ihnen auch Zeugen die am Abend des Unglücks mit im Zug saßen, aber nie im Rahmen polizeilicher Ermittlungen befragt wurden.


Auch sie zeigten sich von dem MDR-Beitrag total überrascht und versicherten, in all den Jahren in der DDR nie von einem Zeugen Ibraimo Alberto oder von Zugfahrten Manuels zu einem Freund in Berlin gehört zu haben.


Die Veröffentlichung ihres Beitrags auf dem ICMA-Kanal wurde Lucas und dem Leiter des Integrationszentrums zum Verhängnis.


Im August 2017, einen Monat nach Veröffentlichung des Videos, verlor Roland Hohberg durch eine gezielte Aktion von RENAMO-nahen DDR-Rückkehrern die Filmkamera und das Macbook zum Video-Editieren.


In seiner Textnachricht an Lucas Nzango erklärt Ibraimo Alberto, dass das Tagungsteam nicht mit dem ICMA-Leiter zusammenarbeitet und fordert ihn auf, sich der von der RENAMO instrumentalisierten Gruppierung der DDR-Rückkehrer anzuschließen. (28.12.2018)

E-Mail vom Tagungsleiter Döring and den Leiter des Integrationszentrums ICMA Maputo Hohberg (02.11.2018)


Gut ein Jahr später wurden beide von der Magdeburger Tagung “Respekt und Anerkennung” ausgeladen, von keinem geringeren als dem vermeintlichen Zeugen des Mords an Manuel Diogo.


Der selbst Bundespräsident Steinmeier bekannte ehemalige DDR-Vertragsarbeiter lud in Deutschland nicht nur die beiden Filmemacher, sondern auch zahlreiche Politiker, Menschenrechtsaktivisten, Mosambik-Experten, Journalisten und Autoren zum bizarren Leichenschmaus ein.



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