Madgermanes - von Aufbauhelfern zu Renamo-Marionetten (Teil 1)

Die bereits zu Kriegszeiten in der mosambikanischen Öffentlichkeit bekanntgewordene und in den staatlichen Medien vielfach thematisierte Instrumentalisierung der Madgermanes durch die RENAMO findet in der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Vertragsarbeiter-Problematik kaum eine Erwähnung.


Roland Hohberg, 13.11.2020

über den Autor

Da die 1991 gegründeten Selbsthilfeinitiativen der DDR-Rückkehrer in Mosambik seit Jahrzehnten von staatlich geförderten Veranstaltungen in Deutschland ausgeladen werden, bleiben die Betroffenen selbst vom deutsch-mosambikanischen (oder sagen wir besser: deutsch-deutschen) Erfahrungsaustausch ausgeschlossen.


Von deutscher Seite ist auf Regierungsebene und durch NGOs viel unternommen worden, um alle die mundtot zu machen, die den allwissenden deutschen Mosambikexperten widersprechen könnten.


Als nicht gefördertes und auch nicht aus Spenden finanziertes Integrationszentrum in Mosambik, kann sich das ICMA kaum ein Bild von der deutschen Aufarbeitungslandschaft machen.


Dennoch wagen wir zu behaupten, dass die Rolle der RENAMO bei der sozialen Ausgrenzung und Diskriminierung der DDR-Rückkehrer in der wissenschaftlichen Aufarbeitung und der Medienberichterstattung bis heute völlig unterrepräsentiert geblieben ist.


Auszug aus der Diplomarbeit der Autorin Theresia Ulbrich


Bei unseren Recherchen im Internet stießen wir nur auf eine Veröffentlichung, in der die für Tausende DDR-Rückkehrer schicksalhafte politische Instrumentalisierung einer relativ kleinen Gruppierung ehemaliger Vertragsarbeiter beiläufig erwähnt wird.


In ihrer 2009 an der Universität in Wien eingereichten Diplomarbeit geht die Autorin Theresia Ulbrich aber nur auf die Zeit vor den Wahlen 2004 ein, als die mörderische Guerilla-Bewegung schon ein Jahrzehnt als Oppositionspartei im mosambikanischen Parlament vertreten war, nicht aber auf die entscheidenden Jahre nach der Rückkehr der jungen Mosambikaner.


In ihrer Arbeit beschreibt die Österreicherin die Unterstützung der Madgermanes durch die RENAMO beinahe schon als Akt solidarischer Hilfe, eine Handreichung im Kampf gegen den gemeinsamen Feind: die für das Scheitern der sozialen Reintegration bis heute verantwortlich gemachte Regierungspartei FRELIMO.


Die Autorin glorifiziert die “UnruhestifterInnen” nahezu heroisch als Opfer von Repression und Polizeigewalt und scheut sich nicht, die Stimmungsmache gegen die mosambikanische Regierung mit den 89er Herbstdemos in der DDR zu vergleichen.


Dabei sind diese Protestkundgebungen seit Jahren angemeldet und werden stets autorisiert. Die RENAMO-Anhänger bekommen für ihre öffentlichen Beleidigungen von Regierungsvertretern sogar Polizeischutz.


Sie dürfen bloß nicht von der festgelegten Route abweichen und sich der Deutschen Botschaft nähern. Das Auswärtige Amt hat aus der Botschaftsbesetzung im Juli 2004 gelernt.


Dass dieses Ereignis in der 200-seitigen Veröffentlichung der Autorin nicht erwähnt wird, obwohl die mehrtägige Besetzung neben groben Menschenrechtsverletzungen auch ein Menschenleben forderte, bleibt unerklärlich.


Auch wird nicht thematisiert, warum sich unter den Bannern keine Parolen finden, die beide Regierungen zum Dialog auffordern, die das Recht auf Familienzusammenführung einklagen, das Recht auf die Pflege der deutschen Sprache, auf Kontakte mit ehemaligen Freunden und Arbeitskollegen, auf Unterstützung für eigene Initiativen.


Denn wenn Tausende Mosambikaner die ihre Jugend in der ehemaligen DDR verbracht haben, trotz eines Goethe-Zentrums in Maputo keine Begegnungsveranstaltungen organisieren, wie damals zur Musik der Puhdys tanzen, deutsche Bücher ausleihen oder gemeinsam Spiele deutscher Mannschaften sehen können, dann werden sie um viel mehr als nur um ihr Geld betrogen.


Über die Verletzung der Menschenrechte derer, die sich nicht politisch instrumentalisieren lassen, die sich nicht mit den RENAMO-Anhängern identifizieren, den irreführenderweise nach den Madgermanes genannten Park bewusst meiden und sich im täglichen Kampf ums Überleben längst zurückgezogen haben, wird in den deutschen Medien nicht berichtet.


Für das Recht auf die Anerkennung der Menschenwürde der Madgermanes ging in Mosambik in den vergangenen 30 Jahren kein Vertragsarbeiter oder Student aus der ehemaligen DDR auf die Straße.



Der Preis der Omnipräsenz der RENAMO-Kämpfer


Auf den Seiten 158 bis 160 ihrer Diplomarbeit zitiert Theresia Ulbrich neben den auf Pappkarton gemalten Beleidigungen gegenüber Regierungsvertretern Mosambiks auch zwei mit den Sprüchen: “Wir sind keine Marionetten….” und “ATMA ist keine Prostituierte, sie verkauft ihre Würde nicht”.


Das wirft zumindest die Frage auf, worum es sich bei der Organisation ATMA handelt, die für die Proteste gegen die mosambikanische Regierung verantwortlich ist und sich nach den Ausführungen der Autorin selbst als die Organisation der “wahren Madgermanes” bezeichnet.


Ausser einem Banner deutet nichts darauf hin, es könnte sich bei der ATMA wirklich um eine mitgliederstarke, gut organisierte Vereinigung handeln, die sich für die Rechte der Madgermanes einsetzt.


Die ATMA (Associação dos Antigos Trabalhadores Moçambicanos na Alemanha) verfügt weder über ein Büro, noch über Computertechnik oder einen Internetanschluss.


Auch hat die erst 2007 von RENAMO-Sympathisanten gegründete Vereinigung bislang nie durch Selbsthilfeinitiativen zur Wiedereingliederung, zur Arbeitsbeschaffung oder Familienzusammenführung auf sich aufmerksam gemacht.


Entstanden war die ATMA, der kaum mehr als ein Prozent der DDR-Rückkehrer angehören dürften, nach langjährigen internen Auseinandersetzungen mit Mitgliedern der Organisation FORTMORD (Fórum dos Antigos Trabalhadores Moçambicanos na ex-RDA), angeführt vom ehemaligen Vertragsarbeiter Alberto Mahuai.


Der Streit um veruntreute Mitgliedsbeiträge und Spenden, mit gegenseitigen Verleumdungen und Morddrohungen wurde in aller Öffentlichkeit ausgetragen und bestimmte die Schlagzeilen der mosambikanischen Presse.


Als die Auseinandersetzungen im Vorfeld des Maputo-Besuchs von Bundespräsident Horst Köhler im April 2006 eskalierten und zu chaotischen Verhältnissen bei Auszahlungen durch das Arbeitsministerium führten, sah sich die Deutsche Botschaft gezwungen zu reagieren.


Denn dem erwarteten Besucher aus Deutschland eilte der Ruf voraus, ein aufmerksamer und leidenschaftlicher Afrika-Kenner zu sein, ein Bundespräsident der sich gerade auf diesem Kontinent nicht so leicht die heile Welt vorgaukeln lässt.


Das Protokoll im Rahmen des Besuchs von Horst Köhler gilt bis heute als erfolgreicher Schachzug deutscher Diplomatie im einst mit deutscher Unterstützung zerstörten Mosambik, denn der Bundespräsident zeigte sich über die Arbeit des mosambikanischen Rückkehrerverbandes sehr zufrieden und erwähnte:


“Tausende Mosambikaner haben in Deutschland, meist in der DDR, gelebt und dort eine Ausbildung erhalten. Viele von ihnen sprechen sehr gut deutsch und sorgen dafür, dass auch der kulturelle Austausch lebendig bleibt.” (Tischrede beim Staatsbankett, Maputo, 3. April 2006)


Völlig konträr dazu hatte sich zuvor der 2002 akkreditierte Deutsche Botschafter Ulf-Dieter Klemm über die ehemaligen Vertragsarbeiter geäußert, die in den Monaten nach der Deutschen Einheit von gestressten Botschaftsmitarbeitern in Maputo noch als “schwarze Ossis” bezeichnet wurden.


In einem offiziellen Bericht an das Auswärtige Amt hatte der Leiter der deutschen Auslandsvertretung in Mosambik die Madgermanes als “größtes Unruhepotential des Landes” bezeichnet.

Zur Auswärtigen Kulturpolitik, Länderkonzeption Mosambik 2002


Der Verweis auf die von latenter Gewaltbereitschaft, Frustration, Initiativlosigkeit und Alkoholkonsum geprägte Stimmung im “Jardim dos Madgermanes”, diente dem Auswärtigen Amt immer wieder als Argument für die Nutzlosigkeit von Reintegrationsmaßnahmen und als Beweis für die Unfähigkeit der sozialistisch erzogenen DDR-Rückkehrer zur Eigenverantwortung.


Wenn die Entmündigungs-Strategie deutscher Diplomatie mal ins Wanken gerät, sorgen je nach Interessenlage deutsche NGOs, Regierungsseilschaften oder die Geheimdienste dafür, die soziale Ausgrenzung der DDR-Rückkehrer wieder ins Gleichgewicht zu bringen.


(Teil 2 folgt)



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