Was haben wir verbrochen?

Die Frage mag für Experten aus der deutschen Afrikapolitik und Entwicklungshilfeindustrie naiv, unberechtigt und anmaßend klingen, aber sie wird in Mosambik von Vertragsarbeitern und Studenten aus der ehemaligen DDR immer wieder gestellt. Auch wenn sie nach Auffassung des Persönlichen Afrika-Beauftragten von Bundeskanzlerin Merkel und offenbar allen im Bundestag vertretenen Parteien dazu kein Recht haben.


“Was haben wir eigentlich verbrochen, dass uns Deutschland so bestraft?”



Tausende Afrikaner, die als junge Hoffnungsträger für den Wiederaufbau ihrer kriegszerstörten Heimat in das Bruderland DDR geschickt wurden und sich heute kurz vor dem Eintritt ins Rentenalter als Lixo (Müll) bezeichnen, stellen sich diese Frage.


Nach der Ausbildung und ihrem Arbeitseinsatz in ein Kriegsland abgeschoben und auf einer der Müllhalden der deutschen Geschichte in Afrika entsorgt, warten diese Menschen seit drei Jahrzehnten auf Antworten.


Wurden sie in ihrem Heimatland mit Arbeits- und Perspektivlosigkeit bestraft, weil sie als Jugendliche einer sozialistischen Volksrepublik in einem Land gearbeitet hatten, dem die Bundesrepublik bis zum Ende des Kalten Krieges feindlich gegenüberstand?


Werden sie diskriminiert, weil sie sich nach der Rückkehr nicht von einer, mit bundesdeutscher Hilfe stark gemachten Terrororganisation politisch instrumentalisieren ließen?


Sind sie geldgierig, wenn sie die Deutsche Regierung daran erinnern, dass jedem ehemaligen Vertragsarbeiter 1990 in Maputo ein Existenzgründungskredit in Höhe von 20 Tausend US-Dollar zugesagt wurde?


Haben sie es verdient, als Bettler behandelt zu werden, nachdem das Büro ihrer Vereinigung zur Selbsthilfe mit allen Registrierungsunterlagen in Brand gesetzt und beide Rückkehrer-Zentren geschlossen wurden?


Dürfen sie ihre Kinder in Deutschland nicht wiedersehen und ihre Enkelkinder nicht kennenlernen, weil die Bundesregierung Angst hat, sie würden in Deutschland bei ihnen leben wolllen?


Liegen in Deutschland Strafanzeigen gegen sie vor, die es rechtfertigen, sie nicht wie andere Afrikaner mit deutscher Willkommenskultur zu empfangen, um ihnen neue Lebensperspektiven zu ermöglichen?


Sind sie wirklich unbelehrbare Ostalgiker, wenn sie ihre deutschen Sprachkenntnisse pflegen, deutsche Bücher lesen, deutsche Filme sehen, zur Musik von Puhdys und Karat tanzen, oder gemeinsam in ihren Jugenderinnerungen schwelgen wollen?


Sollen sie weiterhin schweigend hinnehmen, dass Vertreter staatlich geförderter Vereine in Deutschland von ihrem Schicksal profitieren und dafür sogar noch ausgezeichnet werden?


Entspricht es dem deutschen Demokratieverständnis und staatlichen Förderkriterien, ihnen mit der Ausladung von Veranstaltungen in Deutschland das Recht zu nehmen, sich an der Aufarbeitung ihrer Geschichte zu beteiligen?


Wir brauchen keine weiteren Herabwürdigungen, wie die von Bundespräsident Steinmeier, der bei seinem Mosambik-Besuch als Bundesaußenminister gegenüber der Deutschen Welle behauptet hatte, von der Situation der ehemaligen Vertragsarbeiter keinerlei Kenntnis zu haben.


Wir brauchen endlich konkrete Antworten!

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