Weder Respekt noch Anerkennung (Teil 4)

Im Februar 2019 organisierten Mosambik-Experten aus Deutschland eine Internationale Tagung zur Entwicklungszusammenarbeit zwischen Mosambik und Deutschland mit dem Schwerpunkt der DDR-Vertragsarbeiter und gaben ihr zur Rechtfertigung öffentlicher Förderung den Titel “Respekt und Anerkennung”. Die Veranstaltung in Magdeburg wurde zur Bühne von Geschichtsverklärung, Diskriminierung und kollektivem Vergessen.


Roland Hohberg, 07.10.2020

über den Autor



Kehrtwendungen und Schweigegelübde


Die Anwesenheit des Persönlichen Afrika-Beauftragten von Bundeskanzlerin Merkel, Günter Nooke, auf der Tagung “Respekt und Anerkennung” muss bei einigen Teilnehmern der Veranstaltung in Magdeburg eine große Befangenheit ausgelöst haben.


Anders ist es nicht zu erklären, dass keiner der Anwesenden sich traute, Kritik an den Äußerungen des Afrika-Beauftragten des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zu üben.


Selbst ehemalige SED-Funktionäre, die über umfassende Kenntnisse zur Vertragsarbeiterproblematik verfügen, reagierten mit Ehrerbietung auf die Ausführungen des Vertreters der Bundesregierung.


Besonders der Redner Ralf Straßburg stellte seine widerspruchslose Hochachtung gegenüber Nooke in auffällig unterwürfiger Weise zur Schau.


Der ehemalige leitende Mitarbeiter im Staatssekretariat für Arbeit und Löhne der DDR hatte Einblick in die Unterlagen zu den geheimen Abmachungen zwischen der DDR und der Volksrepublik Mosambik.


Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des Honecker Regimes blieb Straßburg noch immer dem Parteiauftrag staatlicher Geheimhaltung treu und machte erst 2018 eine erste Kehrtwendung.


Für die mosambikanische Wochenzeitung “Dossiers & Factos” gestand der ehemalige SED-Funktionär, dass den jungen Vertragsarbeitern, ohne deren Wissen, in der DDR Löhne in Höhe von 300 Millionen US-Dollar zur Tilgung der mosambikanischen Staatsschulden abgezogen wurden.


Nach dem Tod von Präsident Samora Machel hatte die DDR das afrikanische Bruderland in menschenverachtender Manier gezwungen, junge Mosambikaner wie Sklavenarbeiter zu rekrutieren und sie in die DDR einzufliegen um die Schulden ihres Staates abzuarbeiten.


Als das Interview mit dem DDR-Insider am 9. April 2018 in Mosambik veröffentlich wurde, war die Ausgabe von “Dossiers & Factos” schnell vergriffen.


Von der plötzlichen Offenheit eines SED-Kaders überrascht, rief der Leiter des Rückkehrerzentrums ICMA in Maputo beim Chefredakteur Serôdio Towo an.


Der Verantwortliche der Zeitung bestätigte, dass die Antworten Straßburgs im Beitrag wahrheitsgemäß wiedergegeben wurden, räumte allerdings ein, dass der geständige Geheimnisträger aus Deutschland zum Zeitpunkt des Interviews nicht ganz nüchtern war.


Schnell wurde das Konterfei Straßburgs in Maputo bekannt, weil DDR-Rückkehrer öffentliche Plätze in der mosambikanischen Hauptstadt mit Schwarz-Weiss-Kopien der Titelseite dieser Ausgabe beklebten.


Endlich bekamen sie von einem ehemaligen SED-Funktionär die offizielle Bestätigung, dass sie in den letzten Jahren der DDR im Namen der internationalen Solidarität als Sklavenarbeiter gedient und einen Anspruch auf Wiedergutmachung hatten.


Als Straßburg dann im Februar 2019 in Magdeburg mit einer zweiten Kehrtwende seine Aussagen widerrief, um als ewiger Geheimnisträger des Mielke-Apparats Geschichte zu schreiben, schmückte sein Bild noch immer die Straßen von Maputo.

Das kollektive Vergessen


Unter normalen Umständen hätte sich Straßburg diese Kehrtwendungen sparen können, denn in Mosambik war sein wohlgehütetes Geheimnis schon im Jahr der Deutschen Einheit gelüftet worden.


Bereits im Oktober 1990 erfuhr die mosambikanische Öffentlichkeit durch den Regierungssender Televisão Experimental de Moçambique TVE vom Geschäft zwischen den verbrüderten Ländern und den dunklen Machenschaften des Devisenbeschaffers mit dem BND-Decknamen “Schneewitchen”, Alexander Schalck-Golodkowski .


Einen Monat später berichtete auch das Politmagazin “Revista Tempo” davon, dass nach dem unaufgeklärten Tod von Staatspräsident Machel die neue Regierung unter Chissano dem Druck der Honecker-Regierung nachgegeben hatte, die finanziellen Forderungen der DDR gegenüber der Volksrepublik wie auf dem Sklavenmarkt durch den Transfer zusätzlicher junger Arbeitskräfte aus Afrika zu erfüllen.


Bei einem zweitägigen Seminar der Friedrich-Ebert-Stiftung im November 1990 in Maputo wurde diese Thematik zwischen Vertretern beider Regierungen in aller Offenheit diskutiert und nicht darüber geschwiegen wie drei Jahrzehnte später in Magdeburg.


Mosambiks Finanzminister Abdul Magid Osman hatte in seinem Beitrag “O impacto da Unificação da Alemanha na Economia de Moçambique” die ökonomischen Auswirkungen der Deutschen Einheit auf die wirtschaftliche Situation des kriegsgeschwächten Landes erläutert.


In seinen Ausführungen beschrieb der Minister wie er Jahre zuvor bei den Verhandlungen mit Dieter Uhlig, DDR-Sonderbeauftragter für Mosambik und Leiter der Handelspolitischen Abteilung im Bereich KoKo, gezwungen wurde, dem menschenverachtenden Vorschlag zum Abbau des Guthabens der DDR zuzustimmen.


Genosse Uhlig, auch als Geschäftsführer der Handelsfirma für Waffen und Militärtechnik IMES GmbH und als IMS “Henry” bekannt, hatte verlangt, in Mosambik wöchentlich bis zu 200 junge Mosambikaner zu rekrutieren und sie per Flugzeug in die DDR zu bringen.


Auf der Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung wurde aber auch die Bundesrepublik wegen der langjährigen Unterstützung der Guerilla-Bewegung Renamo zur systematischen Destabilisierung der VR Mosambik in die Pflicht genommen.


Die Ausführungen der Minister Pascoal Mocumbi und Jacinto Veloso stellten 1990 einen außergewöhnlichen Tabubruch dar und lösten eine lebhafte Diskussion bei der Suche nach Lösungen der Integrationsproblematik aus.


Zu den getroffenen konkreten Vereinbarungen gehörten dringende Hilfeleistungen und ein Kreditförderprogramm zur Existenzgründung in Höhe von 20 Tausend US-Dollar für jeden DDR-Vertragsarbeiter.


Diese Zusagen wurden 1991 gegenüber den Mitgliedern der wenige Monate nach dem Seminar gegründeten Rückkehrervereinigung ADECOMA kommuniziert, die in Maputo und den Provinzhauptstädten sofort mit der Registrierung der DDR-Rückkehrer begann.


Wären sie nicht von der Magdeburger Tagung ausgeladen worden, hätten Vertreter der Vereinigung dem Abgesandten der Bundeskanzlerin die Unterlagen vorgelegt, die nicht von den Geheimdiensten vernichtet wurden oder 1994 den Flammen beim Brandanschlag auf das Büro der ADECOMA zum Opfer fielen.


Zum Weiterlesen dieses Beitrags bitte registrieren. Der 5. Teil erscheint am 28. Oktober.


Der komplette mehrteilige Beitrag im PDF-Format mit Links, Quellennachweisen und einer umfassenden Dokumentation steht für registrierte Mitglieder mit einem Jahresabonnement zum Download bereit.


Für Unterstützung unserer ehrenamtlichen Arbeit für die Rechte der DDR-Vertragsarbeiter sind wir sehr dankbar. SPENDEN


Zum Teil 1

Zum Teil 2

Zum Teil 3

112 Ansichten