Die Profiteure familiärer Trennung

Seit der Abschiebung der DDR-Vertragsarbeiter vor 30 Jahren ist die familiäre Trennung in den deutsch-mosambikanischen Beziehungen ein Tabu-Thema. Dabei hätte ein selbst der Bundeskanzlerin bekannter Berliner Aktivist, mit seinem 2008 gegründeten Verein zur Familienzusammenführung, staatlichen Zuwendungen und Spenden die Schicksale der Betroffenen in das öffentliche Bewusstsein rücken und mit der mosambikanischen Selbsthilfeinitiative WIEDERSEHEN REENCONTRO kooperieren können.

Roland Hohberg, 17.09.2020

(über den Autor) Als der Autor im Jahr nach der Deutschen Einheit in Mosambik die Selbsthilfeinitiative WIEDERSEHEN-REENCONTRO gründete, hatte er seinen Sohn in Deutschland bereits drei Jahre nicht mehr gesehen.

Die STASI in Leipzig hatte ihre Drohung wahr gemacht, ihm den Kontakt zu seinem Sohn zu verwehren, weil er sich weiterhin geweigert hatte, seinen Ausreiseantrag zum Verlassen der DDR zurückzuziehen.

Als Leiter des Ausländerberatungsbüros im Verein CONNEWITZER ALTERNATIVE e.V. hatte der Autor in den Wendejahren mehr als 500 Vertragsarbeiter aus Mosambik und Angola kennengelernt und mit vielen Afrikanern Freundschaften geschlossen.

In der Stöckartstraße im Süden Leipzigs leistete das Ausländerberatungsbüro in ehrenamtlicher Tätigkeit Hilfe in Rechtsfragen, bei Behördengängen und der Übersetzung von Dokumenten.

Bei der Ausländerbeauftragten im Ministerium der DDR, dem Solidaritätskomitee und der Abteilung “Beschäftigung und Soziale Integration ausländischer Bürger” im Ministerium für Arbeit und Soziales, bemühte sich der gemeinnützige Verein vergeblich um Unterstützung.

Dennoch wurde der CONNEWITZER ALTERNATIVE e.V.  auch ohne öffentliche Förderung vor allem wegen der beliebten multi-kulturellen Veranstaltungen schnell auch bei Afrikanern aus den benachbarten DDR-Bezirken bekannt.

Zu ihnen gehörten der junge Mosambikaner Jorge João Gomondai und der fast gleichaltrige Angolaner Amadeu António Kiowa, der sich 1990 in Connewitz fest entschlossen zeigte, gemeinsam mit seiner schwangeren Freundin Gabriele bald in Luanda ein neues Leben zu beginnen.

Dass beide später Todesopfer fremdenfeindlicher Überfälle geworden sind, davon erfuhr der Leiter des CONNEWITZER ALTERNATIVE e.V.  erst 1991 in Mosambik.

Das Land war die erste Station einer mehrmonatigen Afrikareise. Noch setzte die RENAMO ihren Terror fort und brach die Waffenstillstandsabkommen, doch sollte Mosambik bald seine neue Heimat werden.

Mit den mosambikanischen Vätern, die von ihren Kindern in Deutschland getrennt wurden, teilte der Leipziger dort ein ähnliches Schicksal, er sollte seinen Sohn erst wiedersehen als dieser schon ein junger Mann war.

Die meisten mosambikanischen Väter aber suchen ihre Kinder bis heute. Der Autor 1990 vor dem Ausländerberatungsbüro in Leipzig Die letzten Kriegsjahre Schon bald nach der Rückkehr in ihr Heimatland wurde den DDR-Vertragsarbeitern und Studenten der “Schule der Freundschaft” bewusst, dass sie sich wie in den letzten Monaten der DDR in einem rechtsstaatlichen Niemandsland befanden. So gründeten sie 1991 in Maputo den Verein ADECOMA (Associação para o Desenvolvimento e Cooperação Moçambique-Alemanha) und wählten den Autor zum Geschäftsführer. Dringendstes Ziel dieser Selbsthilfeinitiative war die Registrierung der DDR-Rückkehrer zur Umsetzung der von Deutschland angekündigten Reintegrationsmaßnahmen, unter anderem die Bereitstellung von Existenzgründungskrediten. Bei der Aufnahme der Daten der Vereinsmitglieder der ADECOMA erfasste die Initiative WIEDERSEHEN-REENCONTRO Vertragsarbeiter, die in Deutschland ihre Kinder zurücklassen mussten. Trotz starker Einschränkung und Reglementierung sozialer Kontakte, waren viele junge Vertragsarbeiter in der DDR Väter geworden oder ihre deutschen Freundinnen erwarteten im Jahr der Einheit ein Kind. Von den über 2 Tausend bis Ende 1993 registrierten Rückkehrern gaben fast zehn Prozent an, dass sie in Deutschland ein oder mehrere Kinder zurücklassen mussten. Die Selbsthilfeinitiative ging von bis zu 1.500 Fällen familiärer Trennung aus. Bereits im Jahr nach der Schließung der beiden Auslandsvertretungen der DDR in Maputo und Beira, suchte der Rückkehrerverein den Kontakt zur Deutschen Botschaft, um an die Verantwortung Deutschlands in dieser humanitären Angelegenheit zu appellieren. Die Diplomatische Vertretung war bereits mit zahlreichen Anfragen auf Unterhaltszahlungen an DDR-Rückkehrer überfordert und leitete diese an die ADECOMA weiter. Eine der an die Initiative WIEDERSEHEN-REENCONTRO weitergeleitete Anfrage auf Unterhalt Eine Zusammenarbeit zeichnete sich ab, als der Deutsche Botschafter auf mehr als 300 Tausend US-Dollar und über 100 Millionen Meticais verwies, die Monate zuvor bei der Auflösung der DDR-Botschaft übergeben wurden und die nicht zweckgebunden waren..

Schon ein Prozent davon hätte zur Anmietung eines kleinen Büros gereicht, auch um den Autor zu entlasten, der für die Registrierung Tausender DDR-Rückkehrer ein Zimmer und später seine Wohnung zur Verfügung stellte.

Doch die DDR-Hinterlassenschaft sollte in Vergessenheit geraten. In der deutschen Gemeinschaft verbreitete sich das Gerücht, das Geld sei ganz abhanden gekommen.

Bevor der Autor im September 1992 eine zentralgelegene Wohnung in der Avenida Ho-Chi-Minh erwarb und für die Selbsthilfeinitiativen einen Telefonanschluss beantragte, musste er mehrmals umziehen.

Zimmervermieter waren verpflichtet, den Polizeibehörden Mietverträge mit Ausländern zu melden und regelmäßig Bericht zu erstatten. Verstöße wurden rigoros bestraft.

Hinzu kam, dass sich bereits vor Kriegsende eine Gruppe von DDR-Vertragsarbeitern der Militärorganisation RENAMO angeschlossen hatte, deren grausamer Terror jahrelang von der Bundesrepublik unterstützt wurde.

In der ”Base Central Madgermany” und bei Protesten der DDR-Rückkehrer vor dem Arbeitsministerium warb die RENAMO um neue Mitglieder und Wahlkampfunterstützung.

Ein Deutscher, der dazu auch noch in Kontakt mit “Madgermanes” stand, geriet schnell ins Visier des mosambikanischen Geheimdienstes SISE, Nachfolger des mit der STASI kooperierenden SNASP.

So wurde die Wohnung des Autors im Februar 1993 wegen des Verdachts auf Spionagetätigkeit für die RENAMO polizeilich geräumt.

Bis dahin hatte die ADECOMA bereits über 500 DDR-Rückkehrer registriert. Zum Weiterlesen des Beitrags bitte registrieren.

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