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Chronologie 1987

JANUAR

1987

JANUAR 1987: Umstrukturierung der Streitkräfte und Austausch der Führungsspitze Die Sicherheitslage in Mosambik hat Ende 1986 ihren bisher kritischsten Punkt erreicht. Den von Malawi aus operierenden Truppen der RENAMO war es gelungen, beträchtliche Gebiete in den Provinzen Zambezia, Sofala und Tete unter ihre Kontrolle zu bringen. Präsident Chissano setzt die Umstrukturierung der Streitkräfte mit einem Austausch der Führungsspitze fort. Er formuliert den Ausbau der Volksmiliz als vorrangige Aufgabe zur Selbstverteidigung der Zivilbevölkerung. Als Folge der Vertreibung der Bevölkerung vom Land, der Unterbrechung von Transportwegen und der Zerstörung von Produktionsanlagen ist die Ernährungssituation extrem kritisch.

APRIL

1987

APRIL 1987: Treffen Erich Honeckers mit einer Delegation aus Mosambik Am 21. April 1987 empfängt der Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, eine Staatsdelegation Mosambiks.

JULI

1987

JULI 1987: Überfall der RENAMO-Rebellen auf einen Hilfskonvoi der Deutschen Welthungerhilfe In den Morgenstunden des 4. Juli 1987 überfallen die RENAMO-Rebellen einen Konvoi der Deutschen Welthungerhilfe. Der von gepanzerten Fahrzeugen der simbabwischen Armee bewachte Konvoi von 11 Lastkraftwagen mit Hilfsgütern und Nahrungsmiteln ist für die Manica Provinz bestimmt. Ein Mitarbeiter der DWHH wird durch einen Streifschuss leicht verletzt. Der Angriff wird von der simbabwischen Armee zurückgeschlagen.

JULI

1987

JULI 1987: Das Deutsche Rote Kreuz erklärt: Die Hungerkatastrophe in Mosambik ist keine Naturkatastrophe Das Deutsche Rote Kreuz erklärt im Juli 1987, dass Mosambik “immer weiter in die Katastrophe getrieben” werde. Die Kindersterblichkeit ist bei unter Fünfjährigen mit 375 von 1000 die höchste der Welt. Nach Auskunft des Katastrophenhilfswerks der Vereinten Nationen sind 3,5 Millionen Menschen in Mosambik vom Hunger bedroht, ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Hunderttausende sind in die Städte geflohen, haben ihr Land verlassen und die Bestellung der Felder und die Ernten aufgegeben. Sie produzieren keine Nahrungsmittel mehr und sind auf internationale Hilfe angewiesen. Gebiete, in denen die Regierungstruppen die RENAMO geschlagen haben, werden nur langsam wieder besiedelt. Es ist schwer, dort, wo die Taktik der verbrannten Erde von den RENAMO-Terroristen angewendet wurde, wieder eine Existenz aufzubauen. In Sambesia, der fruchtbarsten Provinz Mosambiks, wurden mehrere Zuckerfabriken, Tee- und Kopraplantagen dem Erdboden gleich gemacht, 58 Tausend Stück Vieh abgeschossen, über 500 Läden geplündert, Schulen und Rathäuser zerstört und mehrere Kleinstädte so verwüstet, dass sie nicht mehr bewohnbar sind. Humanitäre Hilfe kommt kaum bei der bedürftigen Bevölkerung an. Entweder wird diese von plündernden Rebellen geraubt oder die Nahrungsmittelhilfe wird von Staats- und Verwaltungsbeamten auf die Parallelmärkte zur Selbstprivilegierung umgeleitet. Eine Studie wird 1991 zu dem Ergebnis kommen, dass die Hilfe in großem Umfang der Versorgung des Militärs und des Sicherheitsapparats dient.

JULI

1987

JULI 1987: Die Bundesregierung widerspricht im Bundestag Informationen über die Unterstützung für die RENAMO Wie bereits in ihren Antworten vom 26. November 1984 bzw. 15. Juni 1987 auf Anfragen der Abgeordneten Verheyen, Eid und der Fraktion DIE GRÜNEN, versichert die Bundesregierung am 17. Juli 1987 im Bundestag, dass sie die RENAMO nicht unterstützt und auch in Zukunft nicht zu unterstützen beabsichtigt. Desweiteren erklärt die Regierung, ihr ist darüber hinaus über eine Unterstützung der RENAMO aus der Bundesrepublik Deutschland nichts bekannt.

JULI

1987

JULI 1987: Massaker in Homoíne Die Guerillas terrorisieren die mosambikanische Zivilbevölkerung mit immer brutaleren Morden. Verstümmelungen, Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten, Angriffe auf Krankenhäuser und die Zerstörung von Schulen gehören zur Kriegsstrategie der RENAMO. Die Verbrechen werden nicht, wie oft argumentiert, von veinzelten marodierenden Banden begangen, sondern von der RENAMO-Führung befehligt. Bei einem der blutigsten Massaker, vier Monate vor dem Staatsbesuch von Bundeskanzler Kohl in Mosambik, ermorden mehrere Hundert Rebellen am 18. Juli 1987 in der Kleinstadt Homoíne 424 Zivilpersonen, die meisten Frauen und Kinder. Hunderte Menschen werden verwundet oder entführt. Die RENAMO-Sprecher in Lissabon und Washington lehnen sofort eine Verantwortung Dhlakamas für das Massaker in Homoíne ab und schreibt den brutalen Angriff den Regierungstruppen zu. Spekulationen werden erst beendet, als nach zahlreichen Zeugenaussagen der Einheimischen auch der Amerikaner Mark van Koevering, der sich außerhalb seines Hotels versteckt hielt, die Täterschaft der RENAMO-Guerillas bestätigt. In seinem Beileidsschreiben unterstreicht der Generalsekretär der SED, Erich Honecker, die unerschütterliche Solidarität der DDR mit dem mosambikanischen Volk. Seitens der Bundesregierung ist keine Reaktion bekannt.

AUGUST

1987

AUGUST 1987: Massaker in Manjacaze Im August 1987 werden bei einem Angriff auf die Ortschaft Manjacaze in der südlichen Provinz Gaza 91 Menschen umgebracht. 27 Überlebende, darunter sechs Kinder und fünf Frauen, werden mit Verletzungen in das Krankenhaus der Provinzhauptstadt Xai Xai eingeliefert. Die RENAMO verliert international weiter an Reputation. Die britische Premierministerin, Margaret Thatcher, wird zwei Jahre später bei einem Treffen mit Chissano in Zimbabwe das Vorgehen der RENAMO-Rebellen mit scharfen Worten als „brutalen Terrorismus“ verurteilen.

SEPTEMBER

1987

SEPTEMBER 1987: Carlos de Conceição kommt in Staßfurt ums Leben In der Nacht vom 19. auf den 20. September 1987 wird nach einem Disco-Besuch in Staßfurt der mosambikanische Lehrling Carlos Conceição von einem DDR-Jugendlichen über ein Brückengeländer gedrückt und ertrinkt. Der Täter wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Freiheitsstrafe von 5 Jahren verurteilt. Der deutsche Historiker Harry Waibel wird Jahrzehnte später, unter Berufung auf einen Bericht der BILD-Zeitung, den Todesfall als “Lynchmord” eines rassistischen Mobs darstellen. In einer 2017 gesendeten MDR-Dokumentation werden die Aussagen des damaligen mosambikanischen Botschafters Julio Braga zum Todesfall in Staßfurt so editiert, als würde sich der Diplomat auf den Unglücksfall von Manuel Diogo 1986 beziehen. 2021 werden in der MDR-Dokumentation “Nachwuchs für den Klassenkampf” die Verhältnisse an der “Schule der Freundschaft” als “menschenunwürdig” beschrieben.

SEPTEMBER

1987

SEPTEMBER 1987: Zahl der mosambikanischen Werktätigen in der DDR steigt auf 7800 Zum 31. September 1987 zählt das Ministerium für Staatssicherheit 7800 mosambi-kanische Werktätige in der DDR, die zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht wissen, dass ihre Lohnabzüge zum Schuldenabbau verwendet werden. Für das Jahr 1988 ist die Einreise zusätzlicher 4500 Vertragsarbeiter aus Mosambik vorgesehen.

NOVEMBER

1987

NOVEMBER 1987: Staatsbesuch von Bundeskanzler Helmut Kohl in Mosambik Wenige Wochen vor dem Treffen von Staatspräsident Chissano und Bundeskanzler Kohl am 18.11.1987 in Maputo überschatten ein weiteres Massaker in der Taninga-Region und zahlreiche Überfälle der RENAMO-Guerillas mit Hunderten Toten den ersten Besuch eines westlichen Regierungschefs in Maputo. Doch darüber wird der Kanzler im Vorfeld seiner ersten Afrika-Reise nichts erfahren. Die bundesdeutschen Medien sind geübt darin, Massaker in Ländern wie Mosambik zu verschweigen. So sprach “Die Welt” in ihrer Ausgabe vom 16.7.1973 über das grauenhafte Massaker von Wiriyamu, bei dem die portugiesischen Truppen 400 Mosambikaner töteten, von einem “angeblichen Massaker in Mocambique”. Im Zentrum des Gesprächs zwischen Helmut Kohl und Joaquim Chissano stehen die politische, soziale und wirtschaftliche Lage in der Bundesrepublik und in Mosambik, die Ost-West-Beziehungen und der Nord-Süd-Konflikt sowie das südliche Afrika, in erster Linie die Rolle Südafrikas in der Region. Zwar verurteilt der Kanzler den Terror in Mosambik, der wie er sagt: “das Land seit Jahren bedroht und die Existenzgrundlage seiner Menschen zerstört“, doch schweigt Kohl über die bundesdeutsche Unterstützung des RENAMO-Terrors. Der Kanzler bezeichnet die Apartheid als "eine der wesentlichen Ursachen für die Spannungen im südlichen Afrika", lehnt aber die Anwendung wirtschaftlicher Sanktionen gegen Südafrika ab. Die Bundesregierung betont, sie wolle den Kanzlerbesuch als „Ausbruch aus alten Freund-Feind-Klischees“ gewürdigt wissen, nachdem Mosambik längst einen „realistischen Kurs” eingeschlagen hat (SZ; 2.6.87). Deshalb kündigt Kohl in einer Presseerklärung in Maputo an, „allen durch die Konflikte im südlichen Afrika leidenden Staaten durch aktive Solidarität zur Seite zu stehen“. Wie ernst es die Bundesrepublik mit ihrer Ankündigung meint, zeigt Kohl noch vor seiner Rückreise, als er dem Präsidenten eines mit bundesdeutscher Hilfe zerstörten Landes ein Almosen von vier Tausend Tonnen Reis aus EG-Überschüssen verspricht, was Chissano ohne Dankbarkeitsbekundung zur Kenntnis nimmt. Bundesdeutsche Wirtschaftshilfe für das sich weiter nach Westen öffnende und unter dem Südafrika-Konflikt leidende Land wird schlichtweg ausbleiben. Erst drei Jahre später wird Mosambik mit einer Lieferung von 25 LKW erstmals bundesdeutsche Hilfe für seine Armee erhalten. Die bundesdeutschen Medien widmen den Gesprächen Kohls in Mosambik wenig Bedeutung. Peter Schille schrieb im Vorfeld der Reise für den “Spiegel”: “Am Mittwoch kommt der Panzerkreuzer aus Bonn: Helmut Kohl besucht Mosambik.”

NOVEMBER

1987

NOVEMBER 1987: 60 Tote bei Angriff auf ein Zivilkonvoi Am 28. November 1987 werden mehr als 60 Menschen getötet und Dutzende verletzt, als ein von der Armee eskortierter Zivilkonvoi von Guerillas der RENAMO angegriffen wird. Der Hinterhalt ereignete sich auf der Hauptstraße, 32 Kilometer von der mosambikanischen Hauptstadt Maputo entfernt. Berichten des Überlebenden Salvador Manuel zufolge griffen Rebellen den Konvoi entlang seiner Länge an und schossen von beiden Seiten der Straße.

DEZEMBER

1987

DEZEMBER 1987: Präsident Chissano kündigt eine Amnestie an Am 17. Dezember 1987 kündigt Präsident Joaquim Chissano eine Generalamnestie an. Diese würde sich nach Chissanos Worten "ausnahmslos auf alle erstrecken, die ihre terroristischen und kriminellen Aktivitäten einstellen wollen". Er wolle „Auffangzentren“ bauen, in denen Rebellen ihre Waffen niederlegen und ländliche Fähigkeiten erlernen könnten. Chissano fordert das Parlament auf, eine De-facto-Amnestie von 1984 zu kodifizieren, vermutlich weil ein gesetzlich verankertes Angebot mit größerer Wahrscheinlichkeit ausländische Hilfe anziehen würde. Der Erfolg der Amnestie "wird davon abhängen, wie die Rehabilitationszentren beschaffen sind", sagt Rob Davis vom Zentrum für Afrikastudien. "Wenn das Angebot angemessen ist, könnte es viele Leute anziehen." Das wiederum könnte davon abhängen, ob Geberregierungen auf Chissanos Appell reagieren. „Wenn es eine große Resonanz gibt, könnte dies andere soziale Probleme schaffen“, sagt Marta Mauras, eine Vertreterin der Vereinten Nationen. "Die Regierung hat bereits viele Leute, um die sie sich kümmern muss."